Home

Press Pic Sarah Farina - black white-1

„Ich möchte den Zuhörer oder Clubgänger auf eine Reise bringen,

um ihm zu zeigen:

Alles ist miteinander verbunden.“

 Interview mit Sarah Farina

Vor einigen Tagen gab es bereits den Sarah Farina Podcast für Never Trust Cock Rock Magazine! zu hören, nun folgt das Interview mit ihr. Sarah Farina – ihr Name steht für tighte DJ-Sets zwischen einem und 180 bpm, in denen sie Juke, Bass, Jungle, Step, Footwork und Drum’n’Bass in druckvolle Basswellen und einen, den Tanzhorizont erweiternden Groove transformiert. Wir trafen uns mit ihr in Berlin und fragten sie in einem Techi-Musikgespräch über die Features guter DJ-Sets, den Sound von Musikanlagen in Berliner Clubs und über den Stand ihrer eigenen Produktionen aus.

Was muss ein DJ-Set mitbringen, damit es sich bei dir im Ohr festsetzt? Ab wann ist ein DJ-Set ein gutes DJ-Set?

Ich mag es, wenn der DJ nicht in einer Sparte hängen bleibt, sondern vielleicht bei 120 bpm anfängt und dann halftime spielt, also 60 bpm und vielleicht auch schneller wird oder langsamer. Also einfach eine interessante Dynamik. Aber zwei Stunden lang, mit der gleichen bpm und der gleichen Beatstruktur langweilt mich ziemlich schnell. Ich mag es, wenn man sich alle paar Minuten anders bewegen kann, den Beat aus einer anderen Perspektive fühlen, hören, sehen kann.

Aber auch ein DJ-Set mit geradem Beat kann als Zuhörer*in faszinieren, wenn die Person, die auflegt, wirklich zu „spielen“ beginnt. Also das Wort „spielen“ mit all seinen Seiten der Spannung, der Kreativität, der Technik und dem Nicht-Alltäglichen, dem Verspielten und dem Humoresken. Die Boiler Room Sessions beispielsweise, da finde ich die meisten Sets ohne Flow und Groove, außer ein paar Ausnahmen, wo mensch merkt, die Person fängt wirklich an zu spielen, so dass die Übergänge dynamisch, kreativ und locker sind, obwohl das Set hingegen sehr spannungsreich ist. Wo fängt für dich die Faszination eines guten DJ-Sets an, gerade wenn du selber ein DJ-Set aufbaust?

Ich versuche, wenn ich meine Musik kaufe, sie richtig gut kennenzulernen. Und ich mach‘ viele Edits. Wenn da eine Break kommt, die ich nicht mag, dann schneide ich die raus und bau‘ vielleicht eine eigene rein. Es muss dann halt genauso klingen, wie ich das will. Es gibt ganz wenige Lieder, die ich von Anfang bis Ende total feier‘. Da mach ich dann lieber einen Loop oder cutte dort lieber was raus. Mit Effekten kann man auch arbeiten, aber das halte ich eher minimal. Also höchstens Reverb und Delay und das war’s.

Es kommt auf’s Timing an und es ist jedes Mal anders mit der Crowd, wie schnell die auf dich einsteigen und mit dir mitflowen wollen und ob sie es überhaupt machen. Manchmal ist das auch ein struggle, wenn sie sowas vielleicht noch nicht gehört haben und eher auf andere Partys gehen. Dann komm ich und spiel einen totalen Breakbeat am Anfang und sie: „Oh was ist das denn jetzt?“ Und dann muss ich ein bisschen ruhiger anfangen und sie langsam dahin führen.

Du legst mit der DJ-Software Traktor und dem X1 Controller auf. Mich fasziniert vor allem daran, wie unterschiedlich DJ’s das Programm für ihren Mixstil und ihre Musik nutzen. Wenn du beispielsweise die Musikstücke editierst, was heißt das genau? Auf welche Art und Weise nutzt du Traktor, um dein DJ-Set rund zu machen?

Manchmal editier‘ ich da einfach, dann ist vielleicht der letzte Takt von einem Song total cool und ich setz‘ den weiter nach vorne, weil der Teil, der davor kommt, mir nicht gefällt. Dann schneide ich den mit Ableton raus und setze ihn darein. Manchmal denke ich auch: Die Steigerung bis der Beat wieder kommt, der dauert mir zu lange, da mach ich dort eine Amen Break rein, damit noch Spannung gehalten wird. Und vielleicht auch nur Hi-Hats, weil ich habe gemerkt, wenn build-ups kommen und dann nur noch eine Fläche zu hören ist, hören die Leute auf zu tanzen. Und manchen Leuten ist das echt unangenehm, die können das nicht aushalten. Das finde ich auch nicht schlimm, dann bau‘ ich eben noch irgendwas rein, was noch ein bisschen mehr zieht und Spannung erzeugt. Und natürlich auch die Songauswahl. Die Musik, die ich auflege, da passiert ja schon ganz schön viel in den Tracks. Wenn man zum Beispiel zwei Stunden lang Techno und House auflegt, da gibt es ja im Vergleich zu Drum’n’Bass oder Jungle nicht so verrückte Dynamiken. So fühlt es sich für mich zumindest an und das ist der Unterschied bei meinem Set.

Interessant, dass du den Amen Break erwähnst. Denkst du es macht einen Unterschied, ob mensch eine musikalische Ausbildung mitbringt oder ein Instrument spielt?

Das fließt bestimmt mit ein. Ich spiel‘ Gitarre und Bass. Ich hab das gelernt, da war ich zwölf, da war ich auf einer Musikakademie. Und von dem Background dann elektronische Musik. Da sieht man einfach, wie man Musik aufbauen kann, wie Musik gebaut wird, vom Prinzip her. Sei es mit der Hand-Gitarre oder am Computer. Das ist schon interessant, weil man dann auf Artists stößt, die das beides vereinen. Mark Pritchard zum Beispiel macht ja auch elektronische Musik, aber hat auch dieses Projekt „Troubleman“, was sich nur nach Live-Bands anhört. Aber es sind trotzdem elektronische Momente. Oder Bonobo. Das sind ja nicht nur Bands, sondern da sind auch Beats mit dabei und das find‘ ich ziemlich schön. Und ich glaub‘ mit dem Background, dass man vorher vielleicht in einer Band gespielt hat, kann man das von einer anderen Perspektive sehen und sich davon inspirieren lassen.

Es ist interessant, wie du dein DJ-Set aufbaust, wie deep du dich damit auch beschäftigst. Mit einem Programm wie Traktor kommt ja nicht automatisch das Wissen, wie mensch ein gutes DJ-Set bauen kann. Dazu gehört viel Zeit, Übung und technisches Know-How. Ich finde, es gibt nicht viele DJ’s, die dauerhaft ein gutes Set hinlegen und das muss nicht heißen technisch perfekt. Ich finde es selten, wie deep sich Leute über ihr DJ-Set Gedanken machen…

Das wurde mir schon öfter gesagt, mit diesem „deep“-Gedanken machen über sein DJ-Set. Ich bin zum Beispiel kein Party Mensch, überhaupt nicht. Ich bin sehr nüchtern, geh‘ oft auch alleine weg, weil ich zum Beispiel weiß, heute spielen Kryptic Minds im Berghain. Ich geh‘ alleine hin und bin dann da und hab mit keinem Menschen geredet und mir einfach nur die Musik angehört. Wenn man sich konzentriert, kann man eins mit der Musik werden. Das ist wie so eine Form von Meditation für mich. Und fühlt sich total toll an. Oh oh, ich hoffe ich hör mich nicht zu esoterisch an. Musik ist ja auch was Emotionales und Universales.

Viele Leute fragen mich: „Hey, wie heißt das, was du da auflegst?“ Dann sage ich: „Juke, Footwork, äh…“. Aber ich bin kein Freund von Schubladen, wenn es um Musik geht oder Menschen. Das finde ich nicht gut. Die Musik, wenn ich sie sehen könnte – zumindest fühlt es sich manchmal so an, dass man die sehen kann, hat ganz viel Farben, ist ganz bunt und hat viel Bass: Also: Rainbowbass. Das hört sich so positiv an. Die Musik, die man in meinem Set hören kann vereint ganz viel. Weil ich oft bei einer bpm anfang‘, dann 130. Und wenn ich zwei Stunden spiele, bin ich bei 180 beziehungsweise halftime. Ich möchte den Zuhörer oder Clubgänger auf eine Reise bringen, um ihm zu zeigen: Alles ist miteinander verbunden. Im Jungle hörst du Dancehall oder Funkbreaks, wie zum Beispiel die Amen Break und die wiederum kommt aus dem Funk, James Brown und so weiter. Und so geht es immer weiter. Und die Amen Break ist sowieso interessant, weil die gibt es auch in 130 bpm. Und ich kann dem Zuhörer zeigen: Alles ist connected, es ist alles eins und macht voll Spaß.

Ich habe oft das Gefühl, wenn die Musik zu hart ist in eine Richtung, die ganze Zeit und dazu noch düster, dann wird das so ernst. Und ich bin nicht so. Ich finde, Leute sollen eine gute Zeit haben und sich nicht zu ernst nehmen. Ich habe das Gefühl, Menschen nehmen sich oft viel zu ernst – vor allem im Club.

Sarah Farina

Bei der Betrachtung über den Aufbau eines DJ-Sets, sind die Breaks, Anfänge und das Ende eines DJ-Mixes ebenso wichtig, wie die Klimax oder die Building-Up’s also die Steigerung in einem Mix. Der letzte Track entscheidet auch oft darüber, mit welchem Gefühl die auflegende Person das Publikum aus ihrem Set „entlässt“. Wie endet für dich ein gutes DJ-Set?

Mit einem warmen Gefühl, dass man die Leute mit einem guten Gefühl nach Hause schickt. Wenn sie denn nach Hause gehen. Ich hab auch schon blöde Sachen gemacht: Es gibt diese Serie „Adventure Time“ aus Amerika. Das ist ein Cartoon mit Jack the Dog, dem gelben Hund und einem Jungen namens Finn the human und ich mag das total. Ich habe auch Audio-Dateien davon und habe einfach mal eine Folge als Audio davon ablaufen lassen. Das sind voll die weirden, lustigen Kinderdialoge: „Hey, I show you how to shake it.“ Dann tanzt der Hund mit einem kleinen Käfer und die tanzen voll, was man natürlich nicht sieht, ich bräuchte eigentlich Visuals. Oder ich spiel einen mega cheesy R’n’B- Song von R. Kelly. Ich bin ein Foolio und alber‘ gern rum.

Wie reagieren die Leute darauf?

Die müssen meistens lachen und ich mag es, Leute zum Lachen zu bringen. Stell‘ dir mal vor, man kann Leute mit Musik glücklich machen und sie noch zum Lachen zu bringen. Es gibt für mich eigentlich nichts schöneres. Ich habe mir überlegt: Ich brauche einen MC, der eine runtergepitchte Stimme hat und ab und zu einfach komische Sachen sagt. Das ist vielleicht nicht jedermann’s Sache, aber so bin ich halt. Und mich freut es und wenn ich es teile, vielleicht macht es andere Menschen auch ’ne Freude.

Visuals und vor allem gute Visuals sind ja eher selten in Clubs, obwohl ich finde, dass es eine sehr entspannte Raumatmosphäre schafft…

Ja, total. Visuals sind auch fürs Auge noch mal gut, weil ich nicht gern im Vordergrund stehe. So als DJ oben auf der Bühne und alle gucken mich an, ich brauch das nicht. Ich mag das nicht so gern und wenn noch Visuals dabei wären, das wäre ziemlich cool. Ich möchte daran auf jeden Fall noch arbeiten, dass da noch was passiert für die Augen.

Deine DJ-Sets klingen immer sehr druckvoll und klar. Lässt du die mastern und wenn ja, warum?

Ich bin ja Teil von einem Kollektiv „Through my speakers“. Das sind meine engsten Homies: Mädchen und Jungs aus London, Berlin und so weiter. Viele von denen arbeiten auch wenn sie keine Produzenten sind im Studio, weil sie z.B. Sounddesigner sind. Ich gehe gerne zu denen und hör‘ mir das gemeinsam an. So kann ich ihnen, wenn ich ein neues Mix-Set gemacht habe, meine Lieblingstracks präsentieren und wir nerden darüber ab. So kam es, dass ein Kollege von meine Kollektiv meinte: „Hey ich kann dir das eigentlich mastern“.

Wenn man dadurch die Soundqualität noch verbessern kann, was ja bei der Musik sowieso wichtig ist, weil da so viel verschiedene Sachen passieren, mit Bass und hohe und tiefe Töne, dann kann das nur gut sein. Das Problem bei einem Mix ist auch, dass die Tracks teilweise eine unterschiedliche Songqualität haben. Dann kommt es noch darauf an: Hat der das in Logic produziert, ist das schon gemastert oder ist das nur ein Track von einem Freund, der dir das gerade rübergeschickt hat oder ist es nur eine Demo. Dann macht es vor allem Sinn zu sagen: „Hey, ich lass‘ das lieber mal mastern.“ Wenn ich beispielsweise ein Song von Om Unit oder Jimmy Edgar reinhaue, dann ist das so ein krasses Master. Man sieht das schon an der Wave-Form, wie gut gemastert diese Teile sind. Bei anderen Produzenten ist die Qualität vielleicht ein bisschen weniger, was natürlich auch okay ist.

In deinen Mixen verwendest du nicht nur Tracks bekannter DJ’s oder Tracks, die bereits veröffentlicht wurden, sondern du rufst auf deiner Facebook-Seite auch dazu auf, dir Songs für DJ-Sets zu schicken.

Ich mag es Leute zu supporten. Und auch die Leute, die mir folgen, besser kennenzulernen. Was die so hören, was die vielleicht so produzieren, um sie durch einen Mix zu supporten. Vielleicht kommt es dadurch auch zu einem Booking oder einer Kooperation und ich bin einfach fürs connecten und sich gegenseitig supporten.

Wie setzt du Effekte in einem DJ-Set ein, was für Effekte findest du sinnvoll?

Bei einem Übergang können Effekte helfen, beispielsweise wenn man keinen „richtigen“ Übergang machen will, dann macht man einfach Delay und Freeze und dann einfach das nächste Lied rein. Beispielsweise, wenn man von 130 bpm eine Steigerung auf einen 160 bpm Song spielen will und keine Transition machen möchte. Oder einen Delay zeitmäßig gut reinzuhauen und dann sind es plötzlich doppelt so viele Snares. Dann kann man da mit noch mehr Dynamik rein oder sie zumindest selber steuern, wenn die im Lied noch nicht so stark vorhanden ist. Das kommt aber auch immer darauf an, wie die Crowd mit dir kommuniziert. Es würde keinen Sinn machen da Akzente zu setzen, wenn die Leute noch gar nicht reingekommen sind.

Ich versuche gerade, das ganze mit einer kleinen Drum Machine – der Volca Beats von Korg zu verbinden. Wenn du zum Beispiel alten Jungle hast und die Qualität nicht so gut ist, da dann Bässe drunter zu setzen und zu verstärken, das kann schon viel bringen. Oder man weiß nicht, wie man von dem Lied zu einem anderen Lied ’ne Transition machen soll. Dann macht man halt zehn Sekunden Drum Machine und benutzt vielleicht Reverb und Delay und dann ist das ein eigener Song. Der hat vielleicht keine eigene Melodie, aber treibt das ganze weiter, bis man dann wieder einen Track spielt. Ich möchte dieses Jahr auf jeden Fall noch ein Live DJ-Set präsentieren.

Was macht den Live Effekt bei einem Live DJ-Set dann für dich aus?

Das ich eine persönliche Note mit reinbringe. Eben nicht nur durch Effekte, sondern durch einen Beat Akzente setzen und Songs live remixen kann. Ich lege ja nicht mit Platten auf und bei mir fällt schon mal das Beatmatching Ding weg, deswegen konzentrier‘ ich mich automatisch auf andere Sachen. Aber ich denke, ich habe noch Raum, um mich auf so was auch noch zu konzentrieren und mich selber weiterzuentwickeln. Und das wird mir noch mehr Spaß machen. Nur auflegen reicht mir manchmal nicht. Ich habe Gitarre und Bass gelernt und ich habe noch etwas sehr musikalisches in mir, was von mir selber kommt. Es wird sich in der nächsten Zeit mehr und mehr zeigen, wenn meine eigenen Produktionen fertig werden, so dass man die dann auch selber spielen kann.

Du arbeitest bereits an eigenen Edits. Edit und Remix, da kommt man ja oft durcheinander. Was ist ein Edit und wie gehst du bei der Erstellung eines Edits vor?

Die einfachste Form eines Edits ist: Wir haben einen Track und der Anfang dauert mir zu lange und den schneid‘ ich raus. Aber ich find‘ den ganz cool und setzte ihn am Ende vielleicht nochmal hin, weil mir der Beat nicht mehr gefällt. Ich schneid‘ das auseinander und setze das zu neuen Puzzleteilen zusammen. Bei einem Edit noch mehr machen, heißt beispielsweise eine Hi-Hat mehr einzusetzen oder ein Acapella über ein Instrumentalstück zu legen. Bei einem Edit verändert man nicht so viel. Wenn man z.B. die Harmonie des Tracks verändert, dann ist es schon wieder ein Remix.

Was für Features oder Eigenschaften muss ein Track für dich haben, damit er dir gefällt?

Seele und Authentizität. Das muss nicht mal gut produziert sein, es ist dieses bestimmte Etwas, was ich nicht beschreiben kann, dass es mich irgendwie packt. Dass man irgendwie fühlt, es ist echt, es versucht nicht, irgendwas zu sein. Aber das empfindet ja auch jeder anders.

Wie empfindest du die Berliner Clubanlagen? Was sind deine Erfahrungen. Sind sie gut auf die Räume abgestimmt, machen sich die Clubbetreiber*innen da Gedanken drüber in Berlin? 

Ich war in London und hatte das Gefühl, da hat fast jeder Club ’ne Function One und die legen da einen ganz anderen Wert darauf. Die Musik dort ist ja auch viel vielfältiger. Für House und Techno Musik ist das vielleicht nicht so schlimm, wenn man nicht so eine gute Anlage hat, weil da nicht so viel von Subbässen passiert. Berlin hat aber auch, glaube ich, nicht so viel Geld und vielleicht auch nicht den Anspruch und das Publikum. Ich will auch nicht haten oder so. Ich glaube, viele Leute sind da auch nicht nerdig genug, aber ich z. B. bin sehr empfindlich. Ich finde die Anlage im Berghain ziemlich gut, die in der Panorama Bar mag ich fast lieber, weil diese weicher klingt. Da spielen so viele Faktoren mit: Wie viel Geld hat ein Club, was für Musik wird dort gespielt und wenn ein Club immer nur Techno und House Bookings hat, dann ist das nicht so schlimm, wenn sie keine gute Anlage haben, aber sie werden es spätestens dann merken, wenn da z.B. jemand wie D-Bridge oder so auflegt und dann denken sie: „Oh, da fehlt ja jetzt ganz viel noch von der Musik.“

Du selber bist also als DJ zufrieden?

Meistens ja, aber es könnte schon ein bisschen besser sein, ich vermiss auf jeden Fall den Horst Kreuzberg in Berlin. Die hatten eine ganz wunderbare Anlage. Und dann gibt es ja noch das Wax Treatment mit dem Killasan Soundsystem. Das ist so ’ne megagroße Wand von Soundsystem. Das Horst Kreuzberg, als es das noch gab, hatten einmal im Monat eine Veranstaltung, wo ganz krass deeper Reggea, Dub, Techno Sound gespielt wurde und die Leute haben sich nicht zum DJ-Pult gedreht, die haben sich zu der Anlage gedreht: Wie so’n Tempel. Das fand ich echt schön. Da merk‘ ich halt wieder was so eine Anlage machen kann, dass sich Leute zu der Anlage drehen und nicht zum DJ. Das sagt schon was aus. Also, da kann auf jeden Fall noch was gemacht werden mit den Anlagen.

Ich denke oft, DJ’s könnten mehr aus sich rausgehen, sich mehr trauen, mehr experimentieren, weg von dem zu Ernsthaften, teilweise auch Verkrampften, hin zu mehr Spontanität, also mehr Mut haben zum Experiment. Wie empfindest du das in Berlin oder allgemein?

Ich glaube schon, dass viel passiert ist in der Musik. Letztes Jahr und Anfang diesen Jahres ist ziemlich viel passiert im Jungle und Drum’n’Bass. Der Juke hat sich mit dem Jungle und Drum’n’Bass verbunden und das explodiert gerade ganz schön. Addison Groove hat ein Album raus gebracht, Om Unit, DJ Rashad, die sind echt ganz schön viral gegangen. Auch in „The Guardian“ haben sie Reviews bekommen, was echt toll ist. Es haben sich viele Crews zusammengetan, viele Veranstaltungen sind gelaufen, die Sick Girls haben mit ihrer „Revolution No. 5“ Party viel dazu beigetragen, dass da viel passiert. Ich mit meinem Kollektiv mach‘ regelmäßig Party, das Leisure System Label im Berghain, die haben auch D-Bridge gebucht oder Leute, wie Khan oder Pinch. Was auch dazu beiträgt, dass mehr Leute erfahren, dass es da noch ganz viel gibt.

Du bist selber in einer Crew aktiv. Findest du es wichtig, für einen gemeinsamen Austausch, fürs eigene Bookings und die eigene DJ-Karriere in einer Crew zu sein? Welche Bedeutung misst du einer Crew bei?

Meine Crew ist gleich mein Freundeskreis und mir ist das sehr, sehr wichtig, weil ich gern teile. Ich habe Leute gefunden, die auch gern teilen und supporten. Wir haben eine ähnliche Liebe und Leidenschaft für die Welt und die Musik. Dadurch können wir Dinge schaffen, wie ein Open-Air oder ganz normale Veranstaltungen. Gerade bauen wir ein Label auf. Ich fühle mich wohler, wenn ich mit meinem Booker arbeiten kann, der vielleicht einer meiner besten Freunde ist. Der kennt mich als Mensch und ich brauche einfach diese tiefere Verbindung dahinter, anstatt einen Booker den ich vielleicht nie kennenlerne, weil er irgendwo sitzt. Mir ist das wichtig, dass mich jemand als Mensch verstanden hat. Und das Gefühl haben wir auf jeden Fall in unserer Gruppe. Ich habe da Menschen gefunden, wo es um mehr geht als nur dieses Party-Ding. Es geht darum gute Vibes zu verbreiten und die Message: „One Love“. Ohne, dass es jetzt zu kitschig klingt. Es gibt ganz viel und wir haben Liebe für alles was Musik betrifft und teilen das gerne mit Leuten.

Ein DJ ohne Crew hat es ja meist schwerer. Denkst du dass ein DJ ohne Crew, Netzwerk oder Label funktioniert?

Das geht irgendwie bestimmt auch alleine, aber ich kann nur für mich sprechen. Ich glaube, wenn es um Musik geht – um Musik teilen und verbreiten – bin ich kein Einzelgänger. Ich mach das gern mit Leuten. Ich bin ja auch im Club und spiel‘ für ’ne Crowd. Das ist ja auch schon so ein Gemeinschaftsding. Es kommt auf jeden einzeln an, ob er das mag oder nicht. Ich finde das ziemlich hilfreich und fühle mich sehr gesegnet damit, dass ich solche Leute gefunden habe. Das sind ganz großartige Leute, mit denen man sich emotional-intellektuell connecten kann. Da kommt kein sexistischer Spruch oder ähnliches. Es sind Menschen, die sich verbunden haben und was machen wollen. Der Mensch an sich ist ja kein Einzelgänger und Musik ist für mich auch eher ein Gemeinschaftsding. Deswegen macht das Individuum Ding nicht so viel Sinn für mich. Es kommt darauf an, was man lieber mag, dass muss jeder für sich entscheiden ob mit crew oder ohne.

NTCR Magazine! sagt Danke an Sarah Farina für das Interview.

More on Sarah Farina

https://soundcloud.com/sarahfarina

https://www.facebook.com/sarahfarinabln

http://throughmyspeakersberlin.wordpress.com/

Weitere Artikel auf NTCR Magazine! über Sarah Farina

https://nevertrustcockrock.wordpress.com/2013/09/19/27-09-2013-sarah-farina-in-der-distillery/

https://nevertrustcockrock.wordpress.com/2014/02/25/da-passiert-ja-schon-in-den-tracks-ganz-viel-der-ntcr-podcast-004-von-sarah-farina/

Advertisements