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Die Worte, die suche ich nach der Melodie aus, so dass die Melodie der Worte auf die Melodie der Musik passt.“

Interview mit Skirt

Skirt ist eine Musikerin aus Berlin, die zuerst Film studiert hat und während des Filmstudiums zu dem Projekt Skirt gekommen ist. Das war vor 17 Jahren. Vergangenen Herbst trafen die Leipziger Caramba!records Crew und KC Ursula Maurer aka Skirt bei einem Konzert der Filttchenbar Reihe. Ursula Maurer spielt seit Mitte der 1980er Jahre Gitarre und war und ist in verschiedenen Bandprojekten aktiv. In ihrem persönlichen Projekt Skirt vereint sie Poesie und Musik. Und auch sonst gab es viel Interessantes zu erfahren.

NTCR: Wie gehst du an deine Texte ran? Kommen die aus dem Poetischen oder wo bekommst du deine Inspiration her?

Skirt: Ich freue mich total über diese Frage, weil das eine ganz entscheidende in meiner Arbeit ist. Es ist so, dass ich zuerst mal der Musik den Vorrang gebe. Das heißt, Musik schafft die ganze Atmosphäre, aber meistens steht das Thema fest. Dann singe ich zunächst meist in Phantasiesprache und versuche die Laute zu konzentrieren, dass es in die Musik hineinpasst. Die Worte, die suche ich nach der Melodie aus, so dass die Melodie der Worte auf die Melodie der Musik passt.

Ich habe immer auch ein festes Thema. Das geht auch weit. Ich wollte zum Beispiel mal ein ganzes Album schreiben zu „Wie mache ich Musik?“. Also ich wollte den Prozess des Musikschreibens konzeptmäßig darstellen, hatte aber dann nur ein Stück.

Das heißt „Hitting Strings“. Da schreibe ich über das Musikmachen selbst und da ist alles enthalten. Es ist Lyrik, wo jedes einzelne Wort wichtig ist und seine Funktion hat. Das hat sich aber erst über die Jahre in diese Richtung entwickelt.

(Skirt – Hitting Strings)

Mir ist später erst eingefallen, dass ich schon als Jugendliche angefangen habe viel zu schreiben. Das war mein Ausgangspunkt. Ich habe sehr viele Gedichte geschrieben und mich sehr viel mit Lyrikerinnen in meiner ganzen Jugend beschäftigt. Die Abstraktion war für mich immer ein sehr wichtiges Element. Deswegen singe ich auch so gern auf Englisch, das ist für mich schon eine Abstraktion, weil Englisch eben nicht meine Muttersprache ist, deswegen hat es immer so einen gewissen Spielraum. Und dann kann ich schwimmen. Ich kann schwimmen und dabei trotzdem konkret werden. Dieses Spiel finde ich total interessant.

Die Produktion von „The End And The Start“ war sehr interessant, weil ich hatte zuerst total traurige Bläsersätze. Mir war das fast schon zu viel, schon wieder so melancholisch, schon wieder so traurig! Und dann erreichte mich die Nachricht, dass meine Tante gestorben ist. Diese Tante, die war für mich ganz wichtig und ich habe über sie schon ein Dokumentarfilm gemacht. Sie lebte in Rumänien. Dann habe ich mich entschieden eine Single für sie zu machen und habe dann einfach dieses Lied für sie geschrieben. Und die Lyrics, das ist eigentlich die Fortsetzung von dem Dokumentarfilm und vielleicht auch die Konzentration. Das kommt vielleicht gar nicht so richtig rüber, weil ich nicht ausdrücklich betone, dass die Texte so wichtig sind, aber eigentlich sind sie es.

(Skirt – „The End And The Start“, 2012)

Ist der Film privat oder öffentlich?

Der Film heißt „Kartoffeln und Gemüse“ und den kann man bei Youtube sehen. Das war mein erster Film, den ich aus einer Not herausgemacht habe. Ich habe gemerkt, meine Tante ist dement und jeder Tag zählt, wo ich mit ihr arbeiten kann. Das war zu Beginn meines Filmstudiums und ich bin ohne irgendeine Ahnung mit einem Filmteam hingefahren. Das war sehr herausfordernd, aber es ist ein sehr netter, kleiner Film. Der ist auf 16 mm und in Farbe.

Beschäftigst du dich auch noch mit Film als Medium?

Als ich irgendwann mal gemerkt habe, dass ich nicht alles machen kann, habe ich mich entschieden, der Musik den Vorrang zu gegeben. Jetzt ist es aber so, dass ich wieder anfange visuell zu denken. Ich bin vor kurzem inspiriert worden und kann mir wieder vorstellen einen Film zu machen, das ist aber alles verbunden mit der Musik. Das hat sich gegenseitig immer befruchtet.

Du hast ja erzählt, dass du längere Zeit in Rumänien gelebt hast, kannst du dazu noch ein bisschen was erzählen? Hat dich das in irgendeiner Art musikalisch beeinflusst?

Ausgewandert sind wir im Jahr 1979, da war ich zehn Jahre alt und hatte die Grundschulzeit schon hinter mir. Die Musik hat von zu Hause aus nicht so eine Rolle gespielt. Aber manchmal habe ich den Gedanken, dass ich die Natur klingen höre. Ich bin in der Natur aufgewachsen und ich bin sensibel für Gesänge. Es wurde viel gesungen. Bei jeder Gelegenheit, so merkwürdiges deutsches Volksliedgut. Was mich geprägt hat, war vielleicht eine bestimmte Reinheit, die in diesem Umfeld war, im Sinne von Sinnesbildung. Es war alles so langsam und so low. Alles, was ich davon mitbekommen habe im positiven Sinne, dafür bin ich dankbar, weil es mich sensibilisiert hat für alles Schöne, die Farben und die Musik.

Die ganze Jugendzeit war für mich super, superhart. Bis ich durch einen Zufall zu einer alten Frau gekommen bin, der ich im Haushalt geholfen habe. Das war so ein kleiner Job, den ich mit 15 Jahren angefangen hatte, weil ich kein Geld hatte. Sie war ehemalige Musiklehrerin und das war auch die erste Person, der ich meine Gedichte gezeigt habe. Sie war vielleicht der Schlüssel für alles. Sie hat mich total ermutigt weiter zu machen und fand es großartig.

Diese starken Ereignisse haben bei mir eine gewisse Impulsivität gefördert. Ich habe gedacht, ich muss da jetzt durch. Vielleicht schlummerte das in mir, dass ich irgendwas damit machen muss, zum Ausdruck bringen oder loswerden muss. Als ich dann anfing Gitarre zu spielen, wollte ich nicht nur schöne Musik machen, sondern was ausdrücken, was komponieren. Das war mein Impuls. Ich habe dann nach Wegen gesucht, wie komme ich dahin? Was muss ich praktisch machen, damit ich ausdrücken kann, was mich gerade bewegt? Und ich hatte kein Musikunterricht, nur Blockflöte.

Als Skirt spielst du mit Gitarre, Effektgeräten und Computer und singst, wobei hier die Gitarre im Vordergrund steht, oder?

Ich habe Gitarre in Bands gespielt, das war mein Instrument, mit dem ich mich sicher gefühlt habe. Oder mich sicher fühle. Da kann ich einfach drauf los spielen, ohne dass ich meist weiß, was ich spiele (lacht). Als ich keine Bands mehr hatte und erstmal keine Möglichkeit mehr dafür sah, habe ich versucht die Band mit dem Computer zu ersetzen.

Und habe dann auch die Möglichkeit gefunden mit anderen Instrumenten zu spielen, die ich gar nicht spielen kann. Aber im Grunde war das immer nur dafür da die Band zu ersetzen. Ich habe mir immer vorgestellt mit Leuten Musik zu machen, wo man auf einem bestimmten Level ist, ein bestimmtes Grundverständnis hat und da auch gut kommuniziert.

Wann hast du begonnen Gitarre zu spielen?

Ich habe kurz vor dem Abitur damit angefangen. Ich hatte einen Freund, der hat E-Gitarre gespielt und der war so ein bisschen punky, heavymetal-mäßig unterwegs. Und der hat mir einfach eine Gitarre verkauft und ein altes Röhrenradio, was ich als Verstärker benutzt habe. Er hat mir ein paar Sachen gezeigt und so fing ich an Gitarre zu spielen.

Hast du dann auch in Bands gespielt?

Ja, schon drei Monate später bekam ich einen Anruf von einer Band, damals nannte man das „Anorakband“. (Das war im Jahr 1988, Anmerkung der Redaktion.) Das waren drei Frauen und sie haben jemanden gesucht, der Gitarre spielt und singt. Und da habe ich mitgespielt. Allerdings hat sich die Band ganz schnell wieder aufgelöst. Aber durch den Proberaum habe ich dann einen Gitarristen kennengelernt, mit dem ich viele Jahre zusammen gearbeitet habe. Mit dem hatte ich viele verschiedene Bands und Projekte.

Ich sage auch immer, das war ein bisschen wie ein Meister, weil der hat mir zwar kein Unterricht gegeben, aber das Zusammenspiel hat mich so viel gelehrt, dass ich da unglaublich schnell einen Weg gefunden hatte. Da habe ich dann auch viele Lieder geschrieben. Das waren die ersten Bands, damals in Worms. Bis ich dann nach Offenbach ging zum Studieren, da hatte ich dann eigene Bands.1

(Anorakband 1: Talulah Gosh -Talulah Gosh, 1987)

(Anorakband 2: The Pastels, „Baby, Honey, 1984)

Wie ist dann Skirt entstanden?

Skirt ist in einer Situation entstanden, wo ich länger keine Band mehr hatte. Ich hatte schon einen Sohn, der war knapp drei Jahre alt und ich war mit dem zweiten Sohn schwanger und mitten im Diplom. Ich hatte überhaupt keine Idee, wie ich musikalisch weitermachen sollte. Ich kannte nur das Schema mit Bands. Ich wusste nicht, wie ich das in dieser Lebensrealität umsetzen sollte. Und dann kam mir die Idee, ich kann das nur machen, wenn ich es in mein Diplom integriere. Ich habe meinen Professor gefragt, ob ich eine Platte machen kann. Der fand das total toll. Dann habe ich mir einen Computer gekauft und Musiksoftware und dann habe ich meine erste Skirt Single produziert.

(Skirt – Poppit Sand, 2001)

Und wie bist du auf den Namen Skirt gekommen?

Wie genau, das weiß ich nicht mehr. Aber als es in meinem Kopf war, da fand ich es sofort gut. Ich fand das passend für ein Frauenprojekt. Meine Arbeit ist immer sehr persönlich und das haftet dem Wort so ein bisschen an. Das Intime auch. Ich fand es immer ein bisschen schwierig, wie ich als Mädchen eingekleidet wurde. Meine Mutter ist immer mit mir zur Schneiderin gegangen und ich musste Kleidchen aus dem Otto Katalog anziehen. Ich habe dann immer eine Hose druntergezogen. Und die Frage mit Rock und Hose hat mich schon beschäftigt, mein Leben lang (lacht).

(Skirt – Little Persound, 2001)

Danke an Skirt für das Interview!

Links:

Kartoffeln und Gemüse, Dokumentarfilm von Ursular Maurer, 1996

https://www.youtube.com/watch?v=15a3eFsAuKI

Skirt Musik

https://soundcloud.com/skirtmusic

https://skirt1.bandcamp.com/

Facebook

https://www.facebook.com/Skirt-130935913637858/

Und sonst:

Anorakband: Bands, meist aus Großbritannien, die Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre auch modisch stilvoll unterwegs waren (in Richtung Mod-Anorakjacken). Zum Beispiel: Talulah Gosh, The Pastels

Photocredit: Patricia Seibert

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