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Diesen Oktober spielte Pina Rücker zusammen mit Marek Brandt, Hayden Chisholm in Abwesenheit und Alexander Grobkorn bei den Jazztagen im UT Connewitz. Das war das zweite Konzert, dass ich von Pina Rücker live erleben durfte. Über ihre Musik bin ich eigentlich erstmals bei der „Trotzdem YEAH!“ Reihe 2020 gestolpert, wo sie ebenfalls zusammen mit Marek Brandt und Inskopia spielte. Und hier wird schon die Bandbreite klar, in der Pina Rücker ihre „Kosmosmusik“ einbringt. Zwischen klassischen, avantgardistischen, experimentellen, elektronischen und Jazzklängen finden ihre schwebenden Töne aus Quarzklangschalen den Platz den sie brauchen, um die Hörer:innen in den Bann zu ziehen. Aber auch solo ist Pina Rücker unterwegs. Über ihre Musik, coole Zufälle und die Schwierigkeit Quarzkristallklangschalen in bestimmten Frequenzen zu finden, dürft ihr im elften NTCR Magazine! Interview lesen.

Pic & Videoprojektion: Inka Perl aka VJ Inskopia

Interview mit Pina Rücker

Die Klänge lösen sich extrem schnell von ihrer Klangquelle und wandern dann durch den Raum. Und wenn spezielle akustische Verhältnisse sind, dann kann man das sogar sehen. Also man kann einen Ton mit den Ohren verfolgen, wie der durch den Raum wandert. Und das ist einfach mega schön!“

NTCR Magazine!: Wie lange machst du schon Musik? Und wie bist du dazu gekommen mit Quarzklangschalen Musik zu machen? Gab es da eine musikalische Vorbildung mit anderen Instrumenten bei dir? Wie war also dein Werdegang?

Pina Rücker: Ich bin Anfang der 90er, nach der Schule versehentlich Musiklehrerin geworden. Das heißt ich habe das studiert, ich habe auch beide Staatsexamen gemacht, weil ich mich schon immer für Musik interessiert habe. Ich habe mit sechs oder sieben angefangen Klavier zu spielen. Zu DDR Zeiten war das ja so, dass man gucken musste, dass man aus diesen Staatsschulen rauskommt. Und da haben meine Eltern diese Spezialschule für Musik in Markkleeberg gefunden, die es auch immer noch gibt. Da bin ich ab der neunten Klasse hin und aus der Musiklehrermühle nicht mehr herausgekommen. Ich habe es versucht, denn ich wollte eigentlich Musikwissenschaftlerin werden. Es gab aber so einen Ärger an der Schule, weil die ja staatliche Vorgaben hatten – wieviele Leute, mit dieser speziellen Ausbildung, die ja total aufwendig war, genommen wurden. Wir hatten viele Fächer nicht, dafür zehn Stunden Musikunterricht in der Woche. Und als ich dann mal zum Direktor gegangen bin und gesagt habe, ich würde lieber Musikwissenschaftlerin statt Musiklehrerin werden, fanden die das nicht so gut. (lacht)

Ich habe dann tatsächlich die zwei Examen gemacht. Und dann wollte ich das auch machen, weil ich alleinerziehend war. Ich habe gedacht, dass ist ein cooler Beruf, den man als alleinerziehende Mutter machen kann.

Und dann sind mir die Klangschalen auf einem Konzert im Liebhabertheater Schloß Kochberg in der Nähe von Weimar begegnet. Der Sohn von Charlotte von Stein, der Geliebten von Goethe, hatte dieses Theater gebaut. Dort wurden Stücke von Goethe nach ihrem Tod aufgeführt. Es war ein Konzert mit esoterischen Texten von Goethe und Obertoninstrumenten gespielt von einer Frau aus Österreich – und das war für mich ein Erweckungserlebnis. Und wenn es in Ostdeutschland jemand gegeben hätte, die/der die Dinger gespielt hätte, dann wäre ich gelegentlich zum Konzert dahin gefahren. Aber es gab niemanden.

Ich hatte dann schon die nächsten zwei Kinder. Und da musste ich selber ran. Ich war so fasziniert von diesen Klängen, weil sie ein besonderes akustischen Verhalten haben, das du mit analogen Instrumenten so nicht hinbekommst. Oder elektronisch und dann nur nur mit ganz viel Arbeit. Die Klänge lösen sich extrem schnell von ihrer Klangquelle und wandern dann durch den Raum. Und wenn spezielle akustische Verhältnisse sind, dann kann man das sogar sehen. Also man kann einen Ton mit den Ohren verfolgen, wie der durch den Raum wandert. Und das ist einfach mega schön!

Dadurch, dass ich ja schon musikalische Vorbildung hatte, habe ich durch meine Netzwerke dann zusammen mit anderen Musiker:innen Musikprojekte gemacht. Ich habe festgestellt, Quarzkristallschalen kann man auch alleine spielen, aber das ist eher meditativ. Ich habe mich dann auch in dieser spirituell-esoterischen Szene umgeschaut, weil die die Klangschalen kennen, habe aber festgestellt, dass das nicht meine Szene ist. Und 2010 habe ich dann angefangen Konzerte zu spielen.

Die habe ich am Anfang selber organisiert, da hat mich keiner gebucht. Und es ist auch immer noch so, dass es da Kommunikation braucht. Ich sage zu den Veranstaltern immer, sie sollen bitte nicht auf Youtube „Kristallklangschalen“ eingeben, weil da passieren schreckliche Dinge. (lacht)

Sie sollen lieber auf meine Website gehen und sich die Videos da anschauen, um einen Eindruck zu bekommen. Es ist nach wie vor ein kommunikationsbedürftiges Instrument, bei dem ich immer noch „Basisarbeit“ leisten muss.

NTCR Magazine: Hast du dann als Musiklehrerin gearbeitet?

Pina Rücker: Ein paar Monate habe ich es versucht, dann kamen wieder drei Jahre Erziehungszeit. Ich habe danach lustigerweise eine Stelle am Sportgymnasium bekommen, wo ich nur einen Tag unterrichtet habe, danach geweint habe und dann beschlossen habe, dass das nicht geht. Da hatte ich schon angefangen Musik zu machen, Improvisationsmusik. Da bekommt man ein anderes Verhältnis zum Praktizieren von Musik. Es ist was anderes, wenn ich für meine Schüler Sonaten am Klavier vorspielen muss, als wenn ich anfange intuitiv Musik zu machen. Im Musikunterricht ist es immer ein Kampf um Musik – wie vielen Schülern gefällt das, was ich ausgesucht habe? Und dann habe ich entschieden, dass es nicht das ist, was ich in meinem Leben will. Dass mein Herz woanders und höher schlägt.

NTCR Magazine!: Die Musikausbildung hat dann aber auch viel gebracht für den Teil in deinem Leben, der dann kam, oder?

Pina Rücker: Dafür war es sehr wertvoll, was zum Beispiel analytische Aspekte betrifft. Schon allein, dass ich Noten kann, im Vergleich zu anderen Musiker:innen aus der Szene. Bis hin zu den Netzwerken. Ich kenne ja immer noch Leute aus dem Studium, die noch in Leipzig sind und Musik machen.

NTCR Magazine!: Dein Instrument hat ja auch einen hohen ästhetischen Wert – das transparent- schimmernde Material, bei dem mensch sich qua Aussehen vorstellen kann, wie es klingt. Vielleicht kannst du für die Leser:innen des Blogs beschreiben aus was für einem Material die Quarzklangschalen genau sind und wie du darauf gestoßen bist?

Pina Rücker: Die Quarzkristallschalen sind Industrieabfallprodukte aus der Herstellung von elektronischen Chips. Die Schalen werden zur Züchtung von Siliziummonokristallschichten hergestellt. Das ist das graue, glänzende Material, welches wir in Chips oder Wavern finden. Die werden aus einem Starterkristall gezogen. Deswegen sind die Schalen auch aus reinstem Quarzsand – Siliziumdioxid, damit das Siliziummonokristall da drin, also das Granulat welches da drin geschmolzen und kristallisiert wird, keine Fremdinformationen bekommt. Wenn es also einen Metalleinschluß im Siliziumsand gibt, dann ist das Abfall. Mit Einschlüssen würde so ein Chip später bocken. Falls also mal jemand einen bockenden Chip hat, weiß er*/sie* warum. (lacht).

Und diese „Abfallprodukte“ werden dann von findigen Burschen im Internet weiterverkauft. Eigentlich werden die zerstört und in Bauprozesse zurückgeführt, aber ein paar werden auch frei verkauft. Man muss dann halt schauen, interessiert man sich für bestimmte Tonhöhen, was für mich zum Beispiel relevant ist. Oder braucht man nur eine bestimmt Größe. Da unterscheidet sich dann der Preis noch ein bisschen, aber inzwischen gibt es die auch bei diesem großen Musikalienhändler.

Pic: privat | Pina Rücker

NTCR Magazine: Und wie bist du an die Schalen gekommen, die du heute besitzt? Du hattest ja erzählt, du bist über andere Wege als das Internet ran gekommen…

Pina Rücker: Die ersten beiden hat mir mein Mann geschenkt, weil der mitbekommen hat, wie ich recherchiert habe und mir CDs gekauft habe. Es gibt einen Shop in Süddeutschland, der verkauft alle möglichen Obertoninstrumente. Das ist ein Flötist von Hause aus, der damals schon wusste, dass man Intervalle verkaufen und Tonhöhen beachten muss. 2009 war das noch nicht so häufig, dass diese Klangschalen auf Tonhöhe gestimmt waren. Der Instrumentenhändler hatte es aber damals in seinem Shop schon so organisiert, dass man das musikalisch nutzen konnte.

Ich stell mir das so vor, dass die Händler die Gefässe geliefert bekommen und dann mit einem Stimmgerät durch gehen und schauen, welches Gefäß hat eine exakte Tonhöhe, die ich z.B. adäquat zum Klavier verwenden kann und welche nicht. Ich habe dann herausgefunden, dass man auf jeden Fall Gefäße verwenden kann, wo die Tonhöhe zu hoch ist. Wenn ich Wasser reinschütte, kann ich die tiefer stimmen, weil sich die Schwungmasse erhöht. So habe ich mir mein Set aufgebaut. Dann bekam ich immer mehr Schalen auf 440 Hz. Bei diesem großen Musikalienhändler ist es aber z.B. so, dass er nur Schalen auf 432 Hz verkauft. Der lässt sich aus der esoterischen Richtung beraten. Das ist der sogenannte „Erdenton“. Ich habe da auch schon zwei Brandbriefe hingeschrieben und telefoniert, aber sie sind nicht bereit, dass zu ändern. (lacht)

Dann habe ich angefangen Schalen auf 440 Hz zu haben und Schalen auf ca. 448 Hz. Seit dem arbeite ich auch ganz gezielt mit diesen Schwebungen. Wenn man also zwei von diesen Schalen, die in der Tonhöhe dicht aufeinander folgen spielt, kann man diese schönen Interferenzen erzeugen. Die haben die Schalen schon in sich, das wabert dann so leicht und ich kann es noch forcieren. Als hätte ich zwei Geigen, die nicht ganz sauber gestimmt sind. Wenn man das gut einsetzt klingt das auch cool.

NTCR Magazine!: Das heißt du hast ein paar Klangschalen, die sind auf 440Hz gestimmt und ein paar, die sind drüber. Wie ist das bei anderen Künstler:innen, die mit Klangschalen arbeiten bzw. mit den Händler:innen. Stimmen die die Schalen auch vorab, ähnlich wie z.B. Glocken gegossen und nachträglich gestimmt werden? Das ist ja bei Glocken zum Beispiel ein sehr aufwendiger Prozess. Oder kann man das als Künstler:in auch selber machen?

Pina Rücker: Man könnte die nachbearbeiten. Da gibt es auch jemanden, der das macht – einen Glasbläser, der kann das abschleifen. Der hat das richtige Werkzeug. Man kann sie nur abschleifen, also kleiner machen. Dann werden sie tiefer. Aber in der Regel wird das nicht gemacht, weil das sehr aufwendig ist. Wenn man die bei diesem Glasbläser bestellt, dann ist das ziemlich teuer. Ich habe das zwei mal gemacht. Und jetzt fehlen noch Schalen für zwei schwarze Tasten, fis und gis, auf 440 Hz – die im übrigen nicht oft in der spirituellen Szene verwendet werden, die ich also seit Jahren nicht bekomme (lacht). Vielleicht finde ich die noch durch Zufall.

NTCR Magazine! Was unterscheidet deine Arbeit mit Quarzklangschalen von der esoterischen Klangschalenszene?

Pina Rücker: Im esoterischen Bereich hast du viele Künstler:innen, die dir damit Heilung, Erweckung und ähnliches versprechen. Das mache ich natürlich nicht. Ich freue mich aber trotzdem, wenn beim Hören meiner Musik mit den Hörenden was passiert. Die Klangwellen, die durch das Spielen des Instrumentes entstehen, stoßen Gehirnwellenaktivität bei den Hörer:innen an. Da bekomme ich auch immer wieder Rückmeldung vom Publikum. Ich weiß natürlich, dass bestimmte Frequenzen im Köper beziehungsweise im Gehirn was anstoßen können. Aber das ist die Stelle, wo ich sage, dass muss jede:r selber sehen, hören oder wahrnehmen. Und da unterscheide ich mich vom spirituell-esoterischen Bereich. Ich verspreche dir nicht, dass da was mit dir und deinem Leben passiert, das könnte ich nicht. Aber das Tolle an den Kristallquarzklangschalen ist ja das Material: Es sind Gewächshäuser für die Zukunft. Vom Material her sind es unglaublich spannende Gegenstände, die auch noch cool klingen.

NTCR Magazine! Das kann ich nur bestätigen. Die Frequenzen, die ich bei deinem Konzert in Plauen wahrgenommen habe, gingen durch die Magengrube. Das hatte ich vorher so stark eigentlich nur bei Dubstep mit Soundsystem. Bei deinem Konzert in Plauen haben bei deinem bearbeiteten Stück „Weep, oh mine eyes“1 ja sogar die Lamellen der Neonleuchten vibriert und wiederum einen Ton/ eine Frequenz erzeugt. Wie hältst du eigentlich diese starken Frequenzen beim Spielen aus?

Pina Rücker: Interessanterweise höre ich nicht das, was das Publikum hört, weil ich den Direktklang habe. Der Klang löst sich aus der Quelle, also aus den Schalen und verwendet den Raum als Resonanzraum. Das ist ein wesentlicher Aspekt bei dieser Installationsarbeit, die man da vorher macht. Es ist eine Raumklangskulptur.

Wenn ich keinen Resonanzraum an meinem Instrument, sondern ein Idiophon2 habe, habe ich kein Verhältnis von gezupfter Seite plus hohlem Holzraum, der den Klang beeinflußt. Bei den Klangschalen habe ich also nur die Schale und den Raum. Das ist extrem spannend, weil es überall im Raum anders klingt. Eigentlich müsste man auch in jedem Raum erstmal ausmessen, wo die Bassfalle ist. Es gab mal ein Konzert, wo eine Person danach gesagt hat, wenn du diese Schale gespielt hast, ist mir immer ganz blümerant geworden. Wir haben das am nächsten Tag rekonstruieren können und es war krass. Der Hörer saß genau dort, an dem die Raumfrequenz sich so gebündelt hat, dass er im Fokus von diesem einen Ton gelandet ist.

Und obwohl es schwer mit den Veranstalter:innen zu organisieren ist, habe ich auch bei Konzerten versucht, dass ich spiele, während die Leute reingehen, damit sie sich intuitiv – mit ihren Ohren, aber ohne dass man sie verunsichert – ihren Platz suchen. Aber das ist wirklich schwer organisierbar.

NTCR Magazine! Anhand deiner Werkauswahl sieht mensch die Bandbreite an künstlerischen Kollaborationen. Von Klassik bis freier Improvisation, als auch andere künstlerischen Sparten. Unter anderem arbeitest du auch mit elektronischen Musikkünstler:innen zusammen. Wie hat das angefangen?

Pina Rücker: Mein Ziel ist es, so viele unterschiedlichen Zusammenhänge wie möglich zu finden. Und Künstler:innen. Ich spiele zum Beispiel mit unterschiedlichen Saxophonisten zusammen. Aus irgendeinem Grund finden Saxophone die Kristallklangschalen cool und umgekehrt. (lacht)

Als ich angefangen habe Musik zu machen, habe ich mal jemanden auf der Straße getroffen, von dem ich wusste, der macht elektronische Musik. Und den habe ich angesprochen und gesagt: Ich habe da ein cooles Projekt, das könnte matchen. Der hatte sich aber zu dem Zeitpunkt in eine andere Richtung entwickelt. Der hatte gar keine elektronische Musik mehr gemacht. Und da fing das an mit indischer Musik, weil er hatte sich zu dem Zeitpunkt dafür interessiert und Tanbura3 gespielt. Und dann kam ein Tablaspieler4 dazu. Und ein iranischer Tarspieler.5 Und es war halt nichts mit elektronischer Musik. Es sind andere Instrumente dazu gekommen. Mein Ziel ist es, in allen Kontexten deutlich zu machen, das kann man mit Klangschalen machen. Man kann klassische Musik machen, aber nicht alles. Obwohl wir jetzt auch Robert Schumann probieren. (lacht)

Die Klänge entstehen sehr langsam. Bis der Klang im Raum ist, dauert es eine ganze Weile. Das heißt, da kann man nicht so viele Harmoniewechsel mit den Klangschalen machen. Das können andere Instrumente besser. Wir gucken immer, welche Stücke, lassen sich durch die Klangschalen bereichern, weil die eben diesen Drone erzeugen können.

Der Bezugspunkt zur elektronischer Musik ist eben so schön, weil die Schnittstelle zwischen Klangschalen und elektronischer Musik das Silizium ist. Die elektronischen Musiker:innen machen ja eben auch siliziumbasierte Musik. Das ist die geistige Verbindung, bei der ich immer sage: „Ich bin die Mutti“ (lacht). Meine Klangschalen sind die Gefäße in denen eure Chips wachsen. Und ohne einander gäbe es uns nicht. Das ist auf der Materialebene eine Verbindung, die ich unfassbar schön und spannend finde.

Also allgemein spiele ich mit sehr unterschiedlichen Musiker:innen und Instrumenten, auch Gitarre. Das wichtigste ist, dass sich die anderen von den Klangschalen inspiriert fühlen. Es gab z.B. mal ein Konzert, da hatte ich einen Musiker, der die Klangschalen nicht kannte. Der über einen Pianisten eingeladen wurde. Das war alles ziemlich knapp. Wir haben das Konzert organisiert, er war zufällig in Leipzig und hat gesagt: Klar, da mach ich mit, das finde ich cool.

Und beim Konzert habe ich gedacht: Er spielt ja gar nicht. Und er sagte dann, er war so fasziniert und sediert von den Kristallschalenklängen, dass er erstmal nicht spielen konnte. Er hat ungefähr zehn Minuten zugehört, bevor er sich mit seiner Klarinette hingestellt und gespielt hat. Aber am Ende war das war ein sehr, sehr schönes Konzert!

NTCR Magazine: Hast du auch eine Soloplatte geplant?

Pina Rücker: Ich habe ein Projekt, das wird irgendwann mal meine Soloplatte. Da habe ich vorhandene Musikstücke genommen und bearbeitet. Daraus habe ich eine Slow-motion Version erstellt und noch ein paar Klänge hinzugefügt. Es sind Stücke aus dem Repertoire, die ich mit anderen Musiker:innen erarbeitet habe und dir mir ans Herz gewachsen sind.

Diese Stücke bilden außerdem eine Zeitschicht, die ich durch die Klangschalen erfassen kann, die historische Zeit. Es sind Stücke aus allen Zeiten und aus ganz Europa. Dazu kommt der Effekt, dass wenn man so einen Kristallschalenklang über einen längeren Zeitraum hört, also länger als fünf Minuten, kann man in ein Zeitloch fallen. Das passiert uns als Musiker:innen auch, dass man nicht mehr weiß, wie lange man gespielt hat. Das sind psychoakustische Prozesse, die durch den Vorrang von pulsierenden Frequenzen statt finden. Im Gegensatz zu normal rhythmischer Musik. Wenn das eher ins pulsierende geht, kommt unser Gehirn mit der Taktung, die man aus der Musik normalerweise kennt, nicht mehr klar. Und dann fällt man in solche Löcher. Was natürlich mega schön ist und was wir auch brauchen in unserer Gesellschaft, dass wir immer mal so eine Auszeit bekommen.

Für das geplante Soloalbum spreche ich einen weiteren Zeitaspekt an, indem ich Mikroräume herstelle, wo die Schalen in kleinen Clustern ertönen und ausschwingen können. Und da entsteht nochmal ein neuer Aspekt von Raum-Zeit-Gefüge.

Zudem ist der Zeitaspekt der Zukunft auch mit drin. Denn: In den Quarzklangschalen wachsen die Chips der Zukunft, quasi unsere ganze digitale Welt. Es gibt zwei verwendete Verfahren zur Herstellung von Chips und das Czrochalski Verfahren ist eines davon.

Pic: privat | Pina Rücker

NTCR Magazine!: Was steht dieses Jahr noch bei dir musikalisch an? Worauf können sich die Leser:innen freuen?

Pina Rücker: Dieses Jahr spiele ich zum ersten Mal mit einem Ensemble, also mit mehr als drei Leuten. Das Ensemble heißt „Ensemble Modele Reduit“ und ist ein Miniorchester für reduzierte Musik. Das hat sich aus dem Festival „LeipziXP“ – entwickelt. Momentan ist es noch Klangforschung, die wir im Ensemble praktizieren. Wir wollen mit Wenig viel Erreichen mit jedem Instrument. Das was uns verbindet, ist der ästhetische Fokus. Wir verarbeiten da Stücke aus der New York School der 1960, 70er und 80er Jahre, z.B. von dem Komponisten Christian Wolff. Er hat sehr viel Stücke in einer graphischen Notation geschrieben, wo wir mit unserem extrem disparaten Instrumentarium aber rankommen. Und da werden jetzt im November und Dezember zwei Konzerte sein. Außerdem habe ich Mitte Dezember noch ein Konzert mit CFM.

NTCR Magazine! sagt herzlichen Dank an Pina Rücker!

Konzerte

12.12. 2021 – digitales Konzert –

ENSEMBLE MODELE REDUIT LEIPZIG@Kulturnhalle Leipzig, mehr unter: http://lile.leipzixp.org/

17.12. 2021 – digitales Konzert –

Pina Rücker w/th CFM im Rahmen der Konzertreihe Lile@Kulturnhalle, Leipzig

Website | Socials

Website: https://kosmosklang.de

Insta: https://www.instagram.com/kosmosklang_pina_ruecker/

Soundcloud: https://soundcloud.com/pina-bettina-r-cker

Youtube:

Pina Bettina Rücker & Marek Brandt (singing bowls + electronic + fieldrecordings) + Inka Perl (live animations) for trotzdemYeahh + elektronischer Sonntag, Leipzig Germany 2021

„sononami DELET(H)E“ 2018

Pina Rücker Solo 2014: https://www.youtube.com/watch?v=5e4-f7XncW4

„RESONANZ“ mit Wolfram Dix auf Schloss Goseck – 2016

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1https://www.youtube.com/watch?v=PIPVzOBmRlo

2Was ist ein Idiophon? http://www.lexikon-musikinstrumente.de/idiophon.shtml

3Was ist ein Tanpura? https://de.wikipedia.org/wiki/Tanpura

4Was ist ein Tabla? https://de.wikipedia.org/wiki/Tabla

5Was ist ein Tar? https://de.wikipedia.org/wiki/Tar_(Saiteninstrument)

Alle Bilder: privat von Pina Rücker